Ein Fluss zieht um – Denkmalfachliche Untersuchungen im Erlebensraum Lippeaue bei Hamm

Bodenradarprospektion in Hamm in der Lippeaue

Bodenradarprospektion in Hamm in der Lippeaue

Feldbegehung in der Lippeaue bei Hamm

Feldbegehung in der Lippeaue bei Hamm

Auswertung topographischer Geländemerkmale

Auswertung topographischer Merkmale im Projekt „Erlebensraum Lippeaue“

Auswertung von Luftbildern kurz nach dem 2. Weltrkrieg

Auswertung von Luftbildern mit Bombenkratern des 2. Weltkrieges

Auswertung von Altkarten, historisch-geographische Recherche

Auswertung von Altkarten, historisch-geographische Recherche

Projekt und Konzept

Seit 2017 setzt der Lippeverband zusammen mit der Stadt Hamm das Projekt „Erlebensraum Lippeaue“ um. Im Vordergrund des Projektes steht die Renaturierung der Lippe und ihrer Aue im Bereich der Stadt Hamm. Dazu soll der natürliche Verlauf der Lippe wiederhergestellt bzw. verlängert und knapp 200 Hektar Auenfläche ökologisch aufgewertet werden. Geplant ist eine naturnahe Umgestaltung der Lippeaue auf einem Abschnitt von fünf Kilometern. Auf diese Weise soll eine Verbesserung der Verbindung zwischen Fluss und Aue, durch einen naturnahen Wasserhaushalt und die Erhöhung der Überschwemmungsfrequenz erreicht werden. Auch für die Menschen soll vor Ort ein Auenpark als naturnahe Fläche entstehen, die Freizeitaktivitäten ermöglicht. Zudem führen neue Fuß- und Radwege naturschonend durch die Aue.

Insbesondere beim Ausbaggern der Laufverlängerung der Lippe sowie bei der Anlage von Flutmulden und Blänken wird es im Zuge des Projektes zu Bodeneingriffen kommen, die prinzipiell archäologische Befunde oder auch paläontologische Fundhorizonte gefährden könnten. Deshalb sollte in einem denkmalfachlichen Gutachten dargestellt werden, ob und in welchem Umfang Boden- und Baudenkmale sowie potentiell fossilführende Schichten im Projektgebiet vorliegen. Diese Resultate sollten dann als Basis für die denkmalpflegerische Bewertung des Untersuchungsraumes dienen.

Um den Anforderungen des Projektes aus denkmalfachlicher Sicht genügen zu können wurde von der Posselt & Zickgraf Prospektionen GbR eine mehrstufige Vorgehensweise konzipiert und umgesetzt. Angesichts der komplexen Situation in einem seit dem 19. Jahrhundert intensiv durch den Menschen veränderten Flusstal, musste einerseits der aktuelle Befundbestand mittels zerstörungsfreier Verfahren erfasst werden und mussten andererseits Prognosen für potentielle archäologische bzw. paläontologische Strukturen und Schichten erstellt werden. Dazu wurde der Befundbestand und die Denkmalliste der Denkmalfachbehörden aufgenommen, eine archäologische Oberflächenprospektion und geophysikalische Prospektionen durchgeführt sowie das digitale Geländemodell archäologisch interpretiert. Zusätzlich wurde eine historisch-geographische Recherche vorgenommen sowie vorhandene Daten aus bodenkundlichen, geologischen und hydrologischen Untersuchungen ausgewertet.

Historisch-archäologischer Kontext

Als ältester Fundhorizont sind die Kiese der Lippe und ihrer Vorläufer zu erwarten. Da während der Weichsel-Kaltzeit (ca. 115.000 bis 11.000 v. Chr.) die Flüsse in zahlreichen Armen weite Schotterflächen durchliefen und Kies- und Sandpakete ablagerten, können insbesondere in den untersten Kieslagen über den kreidezeitlichen Mergeln, Tierreste der damaligen Steppenfauna gefunden werden. Die Anwesenheit des späten Neandertalers des jüngeren Mittelpaläolithikums in den damaligen Flusslandschaften ist ebenfalls durch entsprechende Funde belegt. Mit der Jungsteinzeit, ab dem 6. Jahrtausend vor Christus, und der Einführung von Ackerbau und Viehzucht ändert sich die Situation grundlegend. Längerfristige Siedlungen der folgenden Epochen bis in das Mittelalter werden immer wieder in Flussnähe in hochwasserfreien Bereichen angelegt. Auch die relativ kurze Phase der römischen Okkupation hat in Form diverser Lager ihre Spuren hinterlassen, wobei selbst in jüngerer Zeit noch bis dahin unbekannte Lagerstandorte entdeckt worden sind, wie zum Beispiel das Lager an der Lippe in Olfen. Im Hochmittelalter erlangen auch in Westfalen die Städte zunehmende politische und wirtschaftliche Bedeutung. So ließ Arnold von Altena-Isenberg um 1200 die nahe der Burg Nienbrügge liegende Siedlung zur Stadt ausbauen. Im Zuge der Fehde zwischen Graf Friedrich von Altena-Isenberg und dem Erzbischof von Köln wurde Letzterer getötet, der Verursacher hingerichtet und seine Besitzung Nienbrügge durch Adolf I. von der Mark zerstört. Die darauffolgende Gründung der Stadt Hamm an der Einmündung der Ahse in die Lippe ist für 1226 belegt. Es folgte im späten 13. Jahrhundert die Anlage der Stadtmauer und seit dem 17. Jahrhundert der Bau von Bastionen für den Garnisonsstandort Hamm. Tiefgreifende Einschnitte erfährt das Flusstal bei Hamm dann im Zeitalter der Industrialisierung ab der zweiten Hälfte des 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert, unter anderem mit der Schiffbarmachung der Lippe und dem Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn. Im 20 Jahrhundert führen dann noch einmal der Neubau des Lippekanals und die Ahseverlegung zu weitreichenden Veränderungen im Lippetal.

Untersuchungen und Ergebnisse

Die denkmalfachlichen Untersuchungen vor Ort sowie die Recherchearbeit und Auswertung wurden in der ersten Jahreshälfte 2018 vorgenommen. Insbesondere die Auswertung der Denkmalarchive und der digitalen Geländedaten sowie die historisch-geographische Recherche lieferten Hinweise auf archäologische Befunde und Elemente der historischen Kulturlandschaft. Während die Archive der Denkmalfachbehörden das Spektrum der bekannten Befunde aufzeigen, ermöglicht die historisch-geographische Recherche, vor allem anhand historischer Karten und historischer Luftbilder, einen Blick in die untergegangene Kulturlandschaft der letzten 200 bis 300 Jahre. Die Auswertung des digitalen Geländemodells erlaubt Aussagen zum Erhaltungszustand dieser Kulturlandschaftselemente. Auf diese Weise wurden neben archäologischen Fundstellen, wie der Burg Nienbrügge, auch Teile der Landwehr der Stadt Hamm, diverse Altwege, Altfluren und Flurgrenzen erfasst. Darüber hinaus wurden auch bekannte Baudenkmale und ihre Umgebung, wie z.B. Schloss Heessen mit Mühle, berücksichtigt. Auf Basis der paläontologischen Auswertung von Bohraufschlüssen und der Kartierung der historischen Lippeverläufe wurden unter anderem Verdachtszonen für paläontologische Fundhorizonte herausgearbeitet.

Besonders hervorzuheben sind die Befunde der Burg Nienbrügge und der Landwehr der Stadt Hamm. Dabei handelt es sich sowohl bei der mittelalterlichen Burg und Siedlung Nienbrügge als auch bei den oberirdisch erhaltenen Resten der ursprünglich spätmittelalterlichen Stadtlandwehr, um zwei Merkmale eines historischen Prozesses, der die Entwicklung der Stadt Hamm bis in die Neuzeit beschreibt. Aus diesem Grund wird, auf der Basis unseres Gutachtens, der Sicherung und Dokumentation dieser Relikte besondere Bedeutung beigemessen. In diesem Zusammenhang ist auch auf das Projekt Archäologie für Schulen hinzuweisen, das von unserem Mitarbeiter Bastian Ditthard betreut wird und von der Posselt und Zickgraf Prospektionen GbR in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen entwickelt wurde. Das Projekt ermöglicht interessierten Schulklassen eine aktive Beteiligung an den demnächst beginnenden Grabungen im Bereich der Burg Nienbrügge.

Danksagungen

Abschließend dürfen wir unserem Auftraggeber, dem Lippeverband Essen in Person von Herrn Dirk Klingenberg, herzlich für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit danken. Außerdem danken wir Frau Jessica Dieckmann und Herrn Oliver Schmidt-Formann vom Umweltamt der Stadt Hamm sowie Frau Eva Cichy vom LWL-Archäologie für Westfalen in Olpe für die gute Zusammenarbeit, für die Hilfe vor Ort und sachdienliche Tipps.

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