Umfangreiches Projekt gestartet - Archäologie für Schulen, Ausgrabungen für interressierte Schulklassen

Archäologie für Schulen - Erlebnisraum Lippeaue

Archäologie für Schulen - Erlebnisraum Lippeaue

Archäologisch-geophysikalische Magnetometerprospektion

Archäologische Magnetometerprospektion im Vorfeld des Projektes

Projekt Erlebensraum Lippeaue und Teilprojekt Archäologie für Schulen

In den letzten Jahren fanden entlang der Lippe mehrere Projekte statt, die zum Ziel hatten, den Fluss wieder an seine Aue anzubinden und auf diese Weise ökologisch aufzuwerten. Das LIFE-Projekt Lippeaue und das LIFE+ Projekt Lippeaue erreichten durch eine Verlängerung des Lippeverlaufes und die Entfernung von Uferbefestigungen, dass sich selten gewordene Tierarten wie der Bieber wieder in der Lippeaue ansiedelten.

Das aktuelle Projekt Erlebensraum Lippeaue wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert und von der Stadtverwaltung Hamm gemeinsam mit dem Lippeverband geplant und umgesetzt. Das Projekt schließt im Stadtbereich Hamm unmittelbar westlich an die bereits abgeschlossenen LIFE-Projekte an. Auch mit dem laufenden Projekt wird eine ökologische Aufwertung des Auengebietes angestrebt. Durch die Rückverlegung eines Deiches und der daraus resultierenden Schaffung von Überschwemmungsflächen, der Entfesselung der Ufer durch den Abtrag von Wasserbausteinen, sowie die Verlängerung des Lippeverlaufs im Bereich Borgstätte um eine Flussschlinge soll dieses Ziel erreicht werden. Zusätzlich wird mit dem Lippestrand und dem Ausbau eines Rad- und Fußwegenetzes im Auengebiet auch ein Erholungsraum für die Bevölkerung geschaffen. Das Projekt kennzeichnet eine nachhaltige Planung und Umsetzung, die auf Anregungen und Bedürfnisse der Bevölkerung eingeht und sie berücksichtigt.

Im Vorfeld der Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung wurden auf dem gesamten Projektgebiet umfangreiche Prospektionen zur Sicherung historischer und archäologischer Reste erforderlich, deren Sichtung und Dokumentation Posselt und Zickgraf Prospektionen übertragen wurde. Um ein möglichst vollständiges Bild zu erzielen, wurden hierfür Altkarten in den Archivbeständen, Akten der Denkmalbehörden, sowie Luftbilder aus dem zweiten Weltkrieg gesichtet und relevante Informationen kartiert. Das gesamte Gebiet wurde außerdem im Rahmen eines Surveys abgelaufen. In den Bereichen Borgstätte und Steinwinkel wurden darüber hinaus auch Prospektionen mit Magnetometer und Bodenradar durchgeführt.

Die Verlegung der Lippe in diesen Bereichen macht archäologische Grabungen notwendig, da hier aufgrund der schriftlichen Überlieferung, des Flurnamens und archäologischer Befunde aus dem 19. Jahrhundert und jüngster Zeit der Standort der Burg und Siedlung Nienbrügge vermutet wird.

Wegen des nachhaltigen Anspruches des Gesamtprojektes entstand die Idee, auch mit den archäologischen Ausgrabungen im Vorfeld der ökologischen Umgestaltungen einen Mehrwert für die Bevölkerung zu generieren. Dieser Mehrwert soll über die üblichen öffentlichen Grabungsführungen hinausgehen, indem interessierten Schulklassen eine aktive Beteiligung an den Grabungen ermöglicht wird. Für dieses Ziel entwickelte Posselt und Zickgraf Prospektionen in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen eine Unterrichtseinheit, welche die Schülerinnen und Schüler geschichtlich und methodisch an ihren Grabungsbesuch heranführen soll. Das Material wurde in den Modulen „Ökologie“, „Geschichte Nienbrügges“ und „archäologische Methoden“ konzipiert, von denen jedes einzelne unabhängig und in anderen Kontexten wieder genutzt werden kann.

Für den Besuch der Klassen auf dem Grabungsgelände ist ein Lernzirkel geplant, über den die Schülerinnen und Schüler neben dem Graben auch mit anderen Schritten archäologischer Arbeitsweise in Kontakt treten sollen. Geplant sind Stationen zur zeichnerischen, fotografischen und schriftlichen Dokumentation archäologischer Funde, zur Rekonstruktion von Keramik (Kleben) und zu den Grundlagen der einfachen, händischen Vermessung.

 

Geschichtliche Hintergründe zur Siedlung Nienbrügge

Kurz vor 1190 erbaute Graf Arnold von Altena (ca. 1150-1207) die Burg Nienbrügge am nördlichen Ufer der Lippe. Wie ihr Name vermuten lässt, diente sie dem Schutz einer „neuen“ Brücke über die Lippe. Die Zerstörung der Burg und der sie umgebenden Siedlung war die Folge von Machtkämpfen zwischen dem Kölner Erzbischof und den westfälischen Grafen an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert.

1216 war Engelbert von Berg zum Erzbischof gewählt worden. Wie seine Vorgänger versuchte Engelbert seinen Einflussbereich auf Kosten des westfälischen Adels zu vergrößern. Unter anderem geriet er dabei in Konflikt mit seinem Neffen Graf Friedrich von Isenberg, dem Herrn über Burg und Stadt Nienbrügge. Engelbert versuchte die Rechte seines Neffen als Klostervogt in Essen einzuschränken, was Friedrichs Widerstand hervorrief.

Anfang November 1225 hatte Engelbert seinen Neffen, dessen Brüder und weitere Adelige zu einer mehrtägigen Beratung nach Soest eingeladen, um eine Lösung des Streites auszuhandeln. Die erhoffte Verständigung blieb allerdings aus. Nach dem Treffen begab sich Engelbert von Soest aus nach Schwelm zur Einweihung einer Kirche, auf dem Weg wurde der Erzbischof in der Nähe von Gevelsberg jedoch überfallen. Caesarius von Heisterbach berichtet, dass vorausgeschickte Männer den Weg versperrt und Engelbert von seinem Pferd gezerrt hätten. Daraufhin seien die Begleiter des Erzbischofs geflohen. Am nächsten Tag hätten die geflüchteten Begleiter den Erzbischof niedergemetzelt am Tatort aufgefunden.

Friedrich von Isenberg wurde als Drahtzieher des Überfalls zum Tode verurteilt. Viele Angehörige des rheinischen Hochadels wurden mit der Begründung, dass sie in diesen Plan eingeweiht gewesen wären, ebenfalls bestraft. Ob die Verschwörer den Erzbischof vorsätzlich töten oder eher entführen und Zugeständnisse erpressen wollten, ist bis heute umstritten.

Engelberts Nachfolger im Amt des Erzbischofs von Köln, Heinrich von Molenark, ließ noch 1225 die Burgen Isenburg und Nienbrügge zerstören. Der Vetter von Friedrich von Isenburg, Graf Adolf von Altena (der erste Graf von der Mark) wirkte bei den Zerstörungen auf der Seite des Erzbischofs mit. Adolf betrachtete sich als Haupterbe der Familie Friedrichs von Isenberg, die der Acht verfallenen war, und nahm mit Billigung des Erzbischofs deren Güter in seinen Besitz. Der Chronist Levold von Northof berichtet darüber um 1357 in seiner Chronik der Grafen von der Mark: […] indem zu Nürnberg ein Verdammungsurteil gegen benannten Friedrich und seine Erben und ihre Besitzungen ausgesprochen worden war. Seine Burgen Isenberg und Nyenbrügge mit der daranliegenden Stadt wurden zerstört und dem Boden gleich gemacht.

Mit den Bewohnern von Nienbrügge gründete Graf Adolf einige hundert Meter flussaufwärts an einer leicht zu verteidigenden Stelle zwischen Lippe und Ahse die Stadt Hamm. Die Reste von Burg und Stadt Nienbrügge scheinen im Zuge der Umsiedlung zum Bau der neuen Stadt verwendet worden zu sein. Der Überlieferung zufolge wurden immer wieder bearbeitete Blöcke aus Sandstein gefunden, die für Bautätigkeiten in Hamm verwendet wurden.

Erste archäologische Ausgrabungen fanden im 19. Jahrhundert statt. Sie scheinen Reste eines Turmes und Brückenfundamente erbracht zu haben. Ihre Dokumentation ist jedoch so lückenhaft, dass weder das Aussehen noch der genaue Standort dieser Befunde bekannt ist. Zumindest der Turm scheint aber an einem Platz gestanden zu haben, durch den die Lippe im Zuge des Kanalbaus verlegt wurde. Eine grobe Lokalisation des gesamten Siedlungsgebietes kann derzeit nur über Altkarten der Gegend und die Flurnamen Borgstätte und Steinwinkel vorgenommen werden. Im Jahr 2011 brachte eine erneute Grabung auf dem Gelände die Reste eines mittelalterlichen Hauses zum Vorschein. Weil dieses Gebäude im Bereich der Umbaumaßnahmen des Projektes „Erlebensraum Lippeaue“ liegt, besteht die Hoffnung, dass weitere Siedlungsreste gefunden werden.

Kommentare (1)

  • Michael David

    vor 2 Wochen
    Vielen Dank für den tollen Grabungstag! Die Kinder hatten sehr viel Spaß. Die strahlenden Augen bei der Entdeckung jedes noch so kleinen Fundes hat mir gezeigt, dass es eine tolle Idee ist, schon Grundschulkinder an die archäologischen Arbeitsweisen heranzuführen.

    Liebe Grüße
    Michael

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